BWVL Pressemitteilung
Bonn, 13. August 2026, Niedrigwasser am Rhein: Eigenlogistik stärkt Resilienz Verlagerung auf Straße und Schiene nur begrenzt möglich – Fahrverbotsausnah men allein schaffen keine zusätzlichen Kapazitäten – 44-Tonnen-Positivnetz könnte kurzfristig Entlastung bringen.
Die Einschränkungen der Binnenschifffahrt auf dem Rhein stellen die verladende Wirtschaft vor erhebliche Herausforde rungen. Der BUNDESVERBAND FÜR EIGENLOGISTIK & VERLADER (BWVL) warnt davor, die Möglichkeiten einer kurzfristigen Verlagerung auf Straße und Schiene zu überschätzen. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Situation, welche Bedeutung eigene Transportkapazitäten für die Resili enz von Lieferketten haben können.
„Bei den logistischen Auswirkungen erinnert die Situation an die Havarie der ,Waldhof‘ im Jahr 2011, bei den kurzfristig verfügbaren Gegenmaßnahmen teil weise an die Corona-Zeit“, erklärt Markus Olligschläger, Hauptgeschäftsführer des BWVL. „Beide Erfahrungen zeigen, wie schnell Lieferketten unter Druck geraten, wenn Transportkapazitäten wegbrechen.“
Straße und Schiene können Binnenschiffskapazitäten nur begrenzt ersetzen
Ausfallende Binnenschiffskapazitäten lassen sich nur eingeschränkt auf andere Verkehrsträger verlagern. Das gilt insbesondere für Massengüter, deren Mengen nicht kurzfristig durch Lkw oder Bahn ersetzt werden können. Bei Großraum-, Schwer- und Gefahrguttransporten kommen infrastrukturelle und regulatorische Grenzen hinzu.
Auch im Straßengüterverkehr sind die verfügbaren Kapazitäten begrenzt. Zusätz licher Laderaum und Fahrpersonal stehen kurzfristig nicht in ausreichendem Um fang zur Verfügung; die Ferien- und Urlaubszeit verschärft die Situation zusätzlich. Die mittlerweile in zahlreichen Bundesländern getroffenen Ausnahmen vom Sonn- und Feiertagsfahrverbot sowie vom Samstagsfahrverbot nach der Ferienreisever ordnung sind aus Sicht des BWVL daher ein sinnvoller Beitrag, können das grund legende Kapazitätsproblem aber nicht lösen. Aktuelle Marktbeobachtungen von TIMOCOM zeigen, dass die Lockerungen bislang keinen erkennbaren Effekt auf das Laderaumangebot ausgelöst haben.
Eigenlogistik ist ein Resilienzfaktor
Gerade in Engpasssituationen zeigt sich nach Auffassung des BWVL der beson dere Wert der Eigenlogistik. Unternehmen mit eigenen Fahrzeugen, eigenem Fahrpersonal und eigenen logistischen Strukturen sind nicht ausschließlich auf kurzfristig verfügbare Kapazitäten am Transportmarkt angewiesen.
„Eigenlogistik ist ein wichtiger Baustein resilienter Lieferketten. Eigene Kapazitäten können Unternehmen dabei helfen, ihre Versorgung zumindest teilweise selbst ab zusichern, wenn am Markt kaum noch zusätzliche Transportkapazitäten verfügbar sind“, betont Olligschläger.
44-Tonnen-Positivnetz könnte zusätzliche Spielräume schaffen
Als weitere Maßnahme schlägt der BWVL vor, Fahrzeuge mit bis zu 44 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht befristet auf einem definierten Positivstreckennetz zu zulassen.
Dabei geht es ausdrücklich nicht um eine pauschale Freigabe des gesamten Stra ßennetzes. Genutzt werden sollen ausschließlich Strecken, deren Infrastruktur und insbesondere deren Brücken für entsprechende Belastungen geeignet sind. Die bestehenden Achslastgrenzen sollen unverändert bleiben.
Bei gewichtssensiblen Gütern könnten dadurch mit den vorhandenen Fahrzeugen größere Mengen transportiert beziehungsweise die Zahl notwendiger Fahrten re duziert werden. Das würde zugleich helfen, knappe Fahrzeug- und Personalkapa zitäten effizienter einzusetzen.
Der Ansatz ist nicht neu. Bereits 2022 hat der BWVL gemeinsam mit zahlreichen Verbänden der verladenden Wirtschaft eine höhere Transporteffizienz durch 44 Tonnen mit einer streckenbezogenen Prüfung der Infrastruktur verbunden. Das damalige Positionspapier verweist ausdrücklich auf weniger notwendige Fahrten und eine Entlastung bestehender Kapazitätsengpässe. Zugleich sieht es vor, un geeignete Bauwerke auszunehmen und die zulässigen Achslasten unverändert zu lassen. Auch im Vorfeld der letzten Bundestagswahl hatte der BWVL ein 44-Ton nen-Positivnetz auf geeigneter Infrastruktur gefordert.
„Die aktuelle Situation zeigt, welchen Wert es hätte, wenn ein solches Netz heute bereits zur Verfügung stünde. Wir könnten auf vorab geprüfte Strecken zurückgrei fen, anstatt die Voraussetzungen erst unter dem Druck einer Krisensituation schaf fen zu müssen. Resilienz bedeutet auch, Instrumente vorzubereiten, bevor man sie braucht“, sagt Olligschläger.
Einheitliche Regeln und zentrale Information
Kurzfristige Sonderregelungen sollten nach Auffassung des BWVL möglichst bun desweit beziehungsweise länderübergreifend einheitlich, zeitlich befristet und un bürokratisch ausgestaltet werden.
Zugleich regt der Verband an, das Bundesamt für Logistik und Mobilität (BALM) als zentrale Informations- und Koordinierungsstelle einzubinden. Unternehmen müssen schnell und verlässlich erkennen können, welche Sonderregelungen wo, für welche Verkehre und für welchen Zeitraum gelten. „Neben einem logistischen Engpass darf nicht auch noch ein Informationsengpass entstehen“, so Olligschlä ger.
Lehren aus früheren Krisen ziehen
Für den BWVL zeigt die aktuelle Situation zugleich die Grenzen kurzfristiger Maß nahmen. Fahrverbotsausnahmen, eine bessere Auslastung vorhandener Fahr zeuge und pragmatische Verfahren können die Folgen des Niedrigwassers abmil dern. Sie schaffen jedoch weder zusätzliche Fahrzeuge und Fahrer noch zusätz liche Schienenkapazitäten oder kurzfristig eine belastbarere Infrastruktur.
„Strukturelle Probleme lassen sich nicht durch operative Maßnahmen ausglei chen. Die ,Waldhof‘-Havarie liegt 15 Jahre zurück, und auch die Corona-Pande mie hat uns deutlich vor Augen geführt, wie verletzlich Lieferketten sein können. Wir sollten deshalb nicht nur fragen, was uns heute kurzfristig hilft, sondern auch, ob wir auf die nächste vergleichbare Situation besser vorbereitet sind. Ein 44-Ton nen-Positivnetz wäre dafür ein konkreter Schritt“, so Olligschläger.
Anmerkungen für die Redaktion:
Der BWVL repräsentiert seit 1955 als Bundesverband Mitgliedsunternehmen aus Industrie und Handel in den Bereichen Transport und Logistik. Die dem BWVL in direkter Mitgliedschaft verbundenen Unternehmen sämtlicher Grö ßenkategorien sind in ihren Kernbereichen in einer Vielzahl von Branchen tä tig. Die Interessenvertretung konzentriert sich auf die Unternehmensperspek tive in der Eigenlogistik und als Verlader. Allein die Eigenlogistik, also der Transport eigener Güter mit eigenen Fahrzeugen und eigenem Personal, um fasst neben Spediteuren und reinen Transportunternehmen 49,4 % aller trans portierenden Unternehmen in Deutschland.
Pressekontakt:
Kathrin Keller
Referentin für Mobilität, Nachhaltigkeit und Öffentlichkeitsarbeit
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